Über den Zaun „geworfen“

Ich hatte hier schon mal geschrieben, dass ich in letzter Zeit immer wieder mal Teleskope übergeben bekomme, die von den Besitzern aus den verschiedensten Gründen abgegeben werden. Sei es, weil sie aus Altersgründen mit der Beobachtung aufhören. Sei es, weil sie mit ihrem Teleskop nicht zurecht kommen oder weil sie das Teleskop geerbt haben und selber keinen wirklichen Bezug zur Astronomie haben. Meist sind es eher kleine oder ältere Teleskope oder auch Selbstbauten. So hat sich in der Vergangenheit eine gewisse Zahl an Teleskopen bei mir angesammelt, die im Rahmen der Volksbildung ihren Einsatz finden.
Im April geschah es wiedermal, dass mir jemand ein Telekop über den Zaun „warf“.

Das geschah aber nicht einfach so, sondern kündigte sich vorher schon an. An einem Vormittag im März beobachtete ich mit dem Kosmos D 54 Refraktor die Sonne um diesen Zugang in Sonnenprojektion zu testen. Meine Beobachtungsaktivitäten werden öfters von Passanten beäugt und der ein oder andere fragt auch mal nach, was ich denn beobachte. An diesem Vormittag kam ebenfalls ein älteres Ehepaar vorbei und der Mann fragte sehr interessiert nach. Wir kamen ins Gespräch. Dabei erwähnte er, dass er ebenfalls ein Teleskop habe, mit dem er gerne vom Balkon aus beobachten würde aber er könne irgendwie mit dem Teleskop nichts sehen und mittlerweile hätte er es aufgeben. Dann fragte er mich, ob ich es haben wollte, er würde es mir gerne vorbei bringen.
Wie immer in solchen Fällen, sagte ich gerne ja. Dabei dachte ich eher an ein kleines Gerät. Worin ich mich aber mächtig täuschen sollte.
Ich hatte dieses Gespräch beinahe vergessen, als es gut Wochen später vormittags bei mir klingelte. Das Ehepaar stand vor meiner Tür. Sie würden mir jetzt gerne das Teleskop bringen, es wäre in ihrem Auto und er Mann würde es eben holen, erfuhr ich am Tor. Es wäre etwas schwerer. Eigentlich wollte ich tragen helfen, aber der Herr fuhr dann mit seinem PKW vor meine Hofeinfahrt und da viel es mir wie die Schuppen von den Augen. Im Kofferraum des Kombi lag ein ziemlich großes Teleskop, ein Newtonspiegel und dieser war mächtig schwer. Gemeinsam trugen wir es erstmal in meinen Keller, mit drei Okularen und einem großen Gegengewicht. Mit wurde da sehr schnell klar, warum jeglicher Versuch mit dem Telekop vom Balkon aus zu beobachten zum Scheitern verurteil war. Das Teleskop ist für den Balkon viel zu groß.

Großer Newtonspiegel

Da stand es nun, ein Newtonspiegel mit einer Öffnung von 200 mm und einer Brennweite von 1600 mm. Als Markenname ist „Viking“ angegeben, No. L 62002. Ausgestatten ist das Gerät mit einem kleinen 6×30 Sucher und einem kleinen Leitrefraktor mit 50 mm Öffnung und 600 mm Brennweite, sowie drei Meade Okularen (f= 25 mm, 12,5 mm, 4 mm) mit Steckmaß von 0,96 Zoll (24,5 mm).
Wie immer bei solchen eher ungewöhnlichen Teleskopen wollte ich mehr über das Gerät wissen. Wie alt es ist oder woher es kommt. Unter der Bezeichnung „Viking“ Newtonian Telescop wurde ich nicht fündig. Über Astrokollegen bin ich darauf aufmerksam gemacht worden, dass es sich wohl um ein Teleskop der japanisch Firma Royal Astro Optics (oder Astro Optical) handelt, das im Original unter der Bezeichnung LN 8E verkauft wurde. Es scheint wohl aus den 1960 oder 1970 Jahren zu stammen.
Interssant bei dem Teleskop sind die beiden Querstangen an denen zwei verschiebbare Gewichte angebracht sind. So kann man die Schwerpunktlage je nach angebrachtem Zubehör verändern. Das ist nützlich, wenn man eine Kamera oder anderes Zubehör mit dem Teleskop nutzen möchte. Der Zustand der Optiken ist für das Alter recht gut. Der Tubus weist Gebrauchsspuren auf. Ursprünglich waren an dem Tubus vier Haltegriffe montiert um des Teleskop auf der Montierung bewegen zu können. Leider ist einer davon abgebrochen. Den weißen Tubus möchte ich überarbeiten um die Gebrauchsspuren zu überdecken. Die große Tubusfläche reizt mich dazu, hier die wichtigsten jahreszeitlichen Sternbilder und die zirkumpolaren Sternbilder per Schablone aufzuzeichnen.

Was fange ich damit an? Die wuchtigen und schweren Rohschellen mit der Montierungsadaption paßt auf keine meiner Montierungen, die auch alle zu schwach sind. Also alte Rohrschellen runter und neue drauf. Mittlerweile ist dieser Umbau erledigt und das Teleskop sitzt mit Rohrschellen von Bresser auf einer Vixen GP Deluxe Montierung. Nun folgt noch die Kollimierung des Teleskops. Dann sollte bald ein erster Test am Nachthimmel erfolgen.
Die Originalmontierung hat mir der freundliche Nachbar noch vorbeigebracht. Das diese über einen Motor an der Rektaszensionsachse verfügt, könnte es durchaus sein, dass ich das Teleskop in seinen Originalzustand zurückversetze, wenn die Montierung eine genaue Überprüfung erfolgreich besteht.

  • Der Newtonspiegel mit Sucher und Leitfernrohr.

Bisher habe ich mir diese Frage bei keinem Teleskopzugang gestellt. Doch bei diesem Teleskop frage ich mich, was ich mit diesem Trümmer machen soll. Denn eigentlich gehört dieses Teleskop, trotz seines Alters und wegen des mittlerweile unüblichen Okularsteckdurchmessers und daher wenig vorhandenem Zubehör, in eine Sternwarte und man sollte damit nicht nur Mond und Planeten, sondern auch Deep Sky Objekte beobachten. Denn solch ein großes Teleskop verbindet der Laie mit einer Volkssternwarte. Das Gewicht des Teleskop, es liegt bei gut 22 kg, ist nicht für einen mobilen Einsatz geeignet. Es ständig auf und abzubauen macht irgendwann keinen Spaß mehr und es wird irgendwann in einer Ecke landen. Dafür ist dieses Teleskop wirklich zu schade.
Möglicherweise bekommt das Teleskop in meinem Garten einen festen Platz mit kleinem Schutzbau oder es kommt in eine Volkssternwarte, wie die in Bad Homburg geplante Volkssternwarte Hochtaunus.
Die weitere Zukunft dieses schönen Teleskops steht, wie sollte es anders sein, in den Sternen.