Besinnliches zur Weihnachtszeit

„Geschafft“, sag ich zu mir selbst. Ein anstrengender Tag liegt hinter mir, jetzt kann ich abschalten und mich erholen. Die Flimmerkiste geht an und ich lass mich auf das Sofa fallen. Mit der Fernbedienung in der Hand jage ich durch die Programme. Da ist der Heimwerkerkönig, der zum wiederholten Male mit einer Zange einem Schmied in den Finger petzt, der König von Queens, der sich immer wieder Wortgefechte mit seinem ständig nörgelnden Schwiegervater liefert, die beiden oberbayrischen Cops, die einen Mörder jagen und selbst die Abenteuer des Airforce Teams beim Sternentor habe ich schon gesehen. Die Nachrichten melden auch nichts wirklich neues, aber der Wetterbericht lässt mich aufhorchen. Kalte, klare Nacht heißt es da.

Schnell ist die Flimmerkiste aus und ich schaue nach draußen und tatsächlich, kein Wölkchen trübt den Himmel. Schnell ziehe ich mich warm an, schnappe mir Schlafsack, Campingstuhl, Fernglas und Sternkarte und gehe raus. Ich brauche etwas Zeit, bis sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben. In der Zeit kann ich mir einen guten Platz suchen und es mir mit einer Tasse heißen Tee gemütlich machen. Bald tauchen die ersten Sterne und Sternbilder auf. Pegasus, Andromeda, Cassiopeia und Perseus. Bald sehe ich noch mehr, die Fische, das Dreieck, Walfisch und Widder. Taucht da nicht über dem Nachbarhaus der Stier mit den Pleyaden auf? Nicht zu übersehen ist der helle Jupiter, der größte Planet im Sonnensystem. Er ist oberhalb des Sterns Alrescha (alpha pisces) in den Fischen zu finden und darüber steht der zunehmende Mond.

Nach Westen erblicke ich zwischen dem eigenen Haus und der Garage, über dem dortigen Nachbarhaus noch den Schwan und die Leier, ganz schwach kann ich den Kopf des Drachen ausmachen. Über der Garage zeigt der Polarstern die Nordrichtung an, schwach leuchten die Sterne des kleinen Wagens. Der große Wagen selbst ist hinter der Garage verschwunden. Mit dem Fernglas in der Hand gehe ich auf Entdeckungsreise. Weiter geht’s über Sternhaufen und Sterne bis letztlich zur Andromeda-Galaxie. Ein wahrlich weiter Weg für den das Licht über 2 Millionen Jahre braucht.

Ich lege das Fernglas beiseite, ziehe den Schlafsack fester um mich und lehne meinen Kopf zurück. Die Sterne funkeln friedlich über mir. Eine Sternschnuppe blitzt auf, jetzt darf ich mir etwas wünschen. Längst habe ich die Sorgen des Alltags vergessen, alle Anspannung ist von mir abgefallen. Auch scheint es mir so als würden alle Geräusche der Umgebung immer leiser werden, als würde mich eine sanfte Hand umschließen und forttragen in die Tiefen des Universums. Vorbei an Mond und Jupiter, heraus aus dem Sonnensystem zu den Pleyaden, Aldebaran, Capella und Scheat. Meine Gedanken zeigen mir Welten, die vor mir noch kein Mensch gesehen hat. Ich träume davon dort oben zu sein und auf die Erde schauen zu dürfen, auf den blau-weiß funkelnden Diamanten der eingebettet ist in das samtene Schwarz des Weltraums. Wie ich sie so klein und zerbrechlich wirkend liegen sehe, wird mir bewusst, welches Glück mir zuteil wurde auf dieser Insel im kosmischen Ozean leben zu dürfen und Anteil zu haben an der faszinierenden Schönheit des Universums.

Ich weiß nicht wie lange ich so dagesessen habe. Meine Füße fangen langsam an zu frösteln und die Sterne haben sich merklich weiterbewegt. Mond und Mars stehen nun höher. Ich nehme meine Sachen und gehe rein in die warme Wohnung. Bevor ich den Laden schließe, schaue ich noch mal zurück und freue mich auf die nun beginnende Zeit. Bald beginnt die Adventszeit, eine Zeit, die ich als Sternfreund mit unvergesslichen Beobachtungsabenden verknüpfe, die mich immer wieder aufs Neue ins Staunen versetzen. In der Winterzeit, mit ihren langen, klaren und kalten Nächten sehen wir den schönsten Sternhimmel des gesamten Jahres. Es ist die Zeit, in der man als Amateurastronom vom Himmel reich beschenkt wird. Manchmal mit erwartetem, oftmals aber auch mit unerwartetem. Da passt es gut, dass auch in diesem Jahr am Weihnachtsabend der Himmel uns Menschen ein besonderes Geschenk macht. Den in diesen Nächten ist der Himmel besonders dunkel, der Mond stört uns nicht, weil es Neumond ist. Der Jupiter in den Fischen steht fast an dem selben Ort, wo er vor über 2000 Jahren wohl gestanden haben mag, als er zusammen mit dem Planeten Saturn ein sehr seltene dreifache Konjunktion bildete, was sogar Eingang in die Bibel als Stern von Bethlehem gefunden hat.  Wer bis fast Mitternacht aushält, der kann im Osten den rötlichen Planeten Mars unterhalb der markanten Figur des Sternbild Löwen aufgehen sehen. Neben den beiden Planeten gibt es noch zahlreiche andere Objekte, darunter viele Sterne deren Namen sie wie alte Bekannte erscheinen lassen. Scheat, Algol, Capella, Beteigeuze, Castor und Pollux und wie sie noch genannt werden. Es ist beinahe so als wollten sie mit uns Menschen gemeinsam Weihnachten feiern.

Öffnen wir ihnen die Tür und heißen sie in unserer Mitte willkommen.

Ich wünsche Ihnen allen eine schöne Adventszeit und ein frohes und besinnliches Weihnachtsfest.

Oliver Debus, Dezember 2011

Die Sternkarte zeigt die Himmelsansicht für den 24. Dezember um 23 Uhr MEZ. Die ungefähren Positionen der Planeten Jupiter und Mars sind eingetragen. Die Planetenscheibchen entsprechen nicht der wirklichen Größe am Sternhimmel.

Autor: Oliver Debus

Seit 1983 Amateurastronom und seit 1988 in der astronomischen Volksbildung tätig.

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